Unsere Schwedenreise ins “Icehotel”

Reisetagebuch der Familie Peters

 

Einleitung

 

“Wir gewinnen sowieso nie was …” sage ich zu meiner Frau. Aber ich schicke doch Fotos unserer Tochter Sarah zum Fotowettbewerb “Besserschläfer” der Firma “Paradies” Bettwaren. Dann vergesse ich das Ganze irgendwie …

“Wir”, das sind Sarah (9), Birgit (41) und ich; Karsten Peters (47). Wir leben in Bad Bramstedt bei Hamburg und haben bisher wohl auch deshalb selten gewonnen, weil wir nicht sehr oft an Gewinnspielen teilnehmen …

Wir denken noch mal kurz daran, als wir hören, alle Gewinner seien schon benachrichtigt worden. Einige Tage später finde ich in der Post einen Brief von “Paradies”. “Guter Stil”, denke ich. “Die melden sich auch, wenn man nichts gewonnen hat”. Ich öffne den Brief und muss mich erst mal setzen. “Glückwunsch” lese ich und “Hauptgewinn” und “Icehotel”. Als ich meine Frau an ihrem Arbeitsplatz anrufe, äußert sie recht unverblümt Zweifel an meiner Lesefähigkeit und an meinem Geisteszustand allgemein.

Ich lese den Brief ein viertes-, fünftes- und sechstesmal; es kommt immer dasselbe heraus; auch als meine Frau den Brief liest …

Wir werfen den PC an und besuchen zum ersten Mal die “Icehotel”-Website. Alle zwei Stunden gucke ich nach der Temperatur in Schweden …

Links:

www.paradies.de

 

Der Preis ist … heiß ?

 

Ein paar Wochen später findet die Preisübergabe statt. Wir bekommen eine wirklich schicke Urkunde, die mich als “Besser-Schläfer” zertifiziert und wirklich keiner freut sich annähernd so wie wir ! Endlich glauben wir auch an den Gewinn … !

Die Reise wird durch eine Reiseagentur mit einschlägiger Erfahrung organisiert - eine gute Idee, wie wir später noch merken werden. Ich kontakte Frau Ferrari (bei dem Namen kann einfach nix schief gehen … !) von den “Zugvögeln”. Sie kennt das “Icehotel” und weiß, was man sehen und welche Touren man machen muss und welche man sich getrost sparen kann …

Der Preisgeber hat ein mehr als großzügiges Budget ausgesetzt, so dass wir unter Verzicht auf eine Tour vor Ort statt wie ursprünglich vorgesehen zu zweit auch zu dritt und sogar einen Tag länger fliegen können - klasse !!

Links:

Reiseagentur “Die Zugvögel”

 

Alles unter Dach und Fach …

 

Dank kompetenter Beratung und Begleitung haben wir “unser Zeug beisammen” wie der Amerikaner sagt. Wir schlafen eine Nacht direkt im “Icehotel”, unternehmen eine Rentier-Safari, gucken uns - hoffentlich ! - das Nordlicht an und haben eine Hundeschlitten-Tour gebucht. Los geht’s in der letzten Märzwoche 2008 - wegen der Osterferien !

Man schämt sich fast, es zu sagen: von uns ist bisher noch keiner geflogen - das bringt zusätzlich Schwung in die Sache !

 

Post ist da …

 

Der Postbote bringt einen sehr umfangreichen Umschlag - unsere Reiseunterlagen sind da ! Da wir noch nie geflogen sind - siehe unser Posting vom 20.11.2007 - haben wir erst mal sehr viel mit dem Check der Vollständigkeit der Unterlagen zu tun !

Da wir bisher auch noch nicht wussten, was ein Reisegutschein ist, haben wir reichlich Gelegenheit, uns bei den “Zugvögeln” mit entsprechenden Fehlmeldungen für die Tickets zu einigen Touren als komplette Greenhorns zu outen …

Man sieht aber dort alles mit Ruhe und Gelassenheit und kann uns mit einigen Telefaxen schnell beruhigen.

 

Es wird ernst …

 

… und zwar zuerst für mich ! Denn ich muß mitsamt meinen Mädels in aller Herrgottsfrühe (03:30 Uhr !) aufstehen - und das mir als zertifiziertem “Besser-Schläfer” ! Da mich das Reisefieber voll im Griff hat, war an nächtlichen Schlaf natürlich nicht zu denken.

Wir werden auf Feinste von Opa (81, aber 3x so gut drauf wie ich … !) nach Hamburg chauffiert und direkt am Terminal 2 abgesetzt. Nach der Gepäckaufgabe haben wir - natürlich ! - noch jede Menge Zeit und frühstücken erst mal in aller Ruhe - dazu war so früh vorher noch keiner imstande.

Einchecken nebst Security Check - ich muß meinen Gürtel abnehmen; meine Frau ihre Schuhe ausziehen - und Boarding bringen wir bereits mit weltmännischer Gelassenheit hinter uns - als ob wir schon mindestens 20.000 Bonusmeilen zusammen hätten. Zumindest bei mir ist aber die Gelassenheit nichts weiter als lähmende Müdigkeit …

Unser Flugzeug hebt innerhalb von 2 Sekunden ab - so scheint es mir wenigstens …

Links:

Flughafen Hamburg

 

Wir sind da …

 

Es geht zuerst nach Stockholm (1 1/2 Stunden Aufenthalt; auch hier muß ich den Gürtel abnehmen - was haben die Leute bloß gegen meinen Gürtel … ?) von da aus weiter nach Kiruna und dann per Bus nach Jukkasjärvi; 200 km nördlich vom Polarkreis. Hier liegt das “Icehotel” !

Wir haben gelesen: Das “Icehotel” wurde vor rund 18 Jahren “erfunden”, um Jukkasjärvi touristisch interessanter zu machen - wenn das keine Erfolgsgeschichte ist !

Links:

Kiruna
Kiruna; weitere Infos auf “Wikipedia”

 

Check in und erster Rundgang …

 

... zur Fotostrecke LodgesErster Eindruck: “Junge; liegt hier aber viel Schnee !” Die Einheimischen lächeln mich nachsichtig an (”Aha, ein Tourist … !”) und teilen mir mit, daß bedingt durch die Erderwärmung hier mittlerweile im Gegenteil nur noch sehr wenig Schnee liegt … !

Da die Luft sehr trocken ist, können wir kaum glauben, daß das Thermometer -15 Grad zeigt. Die Kälte wird bei weitem nicht so stark empfunden.

An der Rezeption werden wir von sehr freundlichen - und wie ich zum Missfallen meiner Frau feststelle - sehr attraktiven jungen Damen empfangen. Thank God - man spricht Englisch und versteht mit nordischer Gelassenheit sogar mein Kauderwelsch - wir bekommen unsere “Lodge”; eine Art Ferienhaus, von denen das eigentliche Icehotel umgeben ist.

Sarah fällt ein Stein vom Herzen, weil sie geglaubt hat, wir müssten alle 4 Nächte im Icehotel bei -5 Grad verbringen. Die Lodge ist geheizt und sehr gemütlich !

Das Icehotel liegt direkt am Fluß Torne, dessen extrem klares Gletscherwasser in gefrorenem Zustand das klare Eis liefert, aus dem das Icehotel gebaut wird. Die Schweden sind zu Recht stolz auf die Wasserqualität. Sogar auf jedem WC der Anlage hängen Plastik(???)becher und man wird aufgefordert, das Tornewasser viel und häufig zu trinken.

Ich komme dieser Bitte gerne nach und kann den fantastischen Geschmack nur bestätigen ! Später stelle ich fest, daß es leider auch die Nierenfunktion stark belebt …

Links:

Icehotel

 

Mit Rentieren auf Du und Du … ?

 

Fotostrecke Raidu-TourNach einer erstaunlich guten Nacht ( wir alle schlafen sonst in fremden Betten schlecht …) testen wir ein erstklassiges Frühstück im dem Icehotel gegenüberliegenden Restaurant aus. Alles ist gut und reichlich und reicht an sich für den ganzen Tag.

Gegen 11.00 Uhr startet die “Raidu”-Tour. “Raidu” heißt auf Sami (oder sagt man “sämisch” … ?) - natürlich: “Rentier” ! Wir lernen Jan-Erik kennen; einen launigen Sami (Achtung: ein Sami ist KEIN Lappe … !) dem es “egal ist, ob Ihr Jan oder Erik zu mir sagt …”. Jan-Erik lebt 6 Monate von den Touristen des Icehotels; den Rest des Jahres züchtet er mit Bruder und Mutter Rentiere. Außerdem erfahren wir: Wäre ich eine Sami-Frau, dürfte ich mit Jan-Erik im “Lavvu” (=Rentierhirten-Zelt) verschwinden, denn ich könnte an seiner Kleidung erkennen, daß er unverheiratet ist - Praktisch !

Mit dem Motorschlitten geht’s ins Raidu-Camp. Wir lernen eine Rentierherde kennen; Jan-Erik erzählt ausführlich und sehr kurzweilig vom Alltag eines Rentierhirten (harte Arbeit und wenig Frauen !) und wir fangen Rentiere mit einem Lasso. Auch die Rentiere haben ganz offenbar Spaß an den tollpatschigen Touristen und laufen wie ein Uhrwerk immer erst dann weg, wenn die Touristen fest glauben, sie eingefangen zu haben …

Außerdem erfährt einer unserer englischen Reisegefährten auf seine entsprechende Frage, daß es als ungehörig gilt, einen Sami nach der Anzahl seiner Rentiere zu fragen.

Es gibt eine Schlittenfahrt; die, wie uns Jan-Erik erzählt, insbesondere von den Rentieren sehr genossen wird, weil sie danach nämlich gleich wieder ins Gehege gesperrt werden. Die Rentiere haben es dann auch mit der Runde nicht wirklich eilig und bleiben gern mal stehen, um die Landschaft zu erkunden …

Dann der Höhepunkt des Tages: Wir essen Rentierfleisch wie ein echter Rentierhirte auf Sami-Art im Lavvu (=Rentierhirten-Zelt). Für nichtschwedische Gaumen ein - ich möchte sagen - ungewohnter Genuss. Eine Portion von der Grüße eines Dönerfladens hat ungefähr 528.000 Kalorien und vermutlich soviel Cholesterin, daß ein normaler Mensch auf der Stelle tot umfallen würde. Selbst die anwesenden Engländer verzichten auf den Nachschlag …

Dazu gibt es ein Getränk, das offenbar in Schweden zumindest für die Touristen allgegenwärtig ist: Lingonberryjuice (=Preiselbeersaft) !

Links:

Infos zu den Samen bei Wikipedia
Infos zur Raidu-Tour

 

Wer lesen kann …

 

Auf den kulinarischen Genuss des Mittagessens gönnen wir uns noch ein schönes kräftiges Abendbrot. Ich dämmere gerade in einem ultramodern aussehendem, aber erstaunlich bequemen original schwedischen Sitzmöbel vor mich hin, als das Telefon klingelt. Ich bin alarmiert, denn niemand hat hier unsere Telefonnummer !

Eine der unglaublich attraktiven jungen Damen von der Rezeption teilt mir mit mühsam unterdrückter Hysterie in der Stimme mit, daß unsere “Nordlicht-Tour” seit 10 Minuten im Gange ist. Ich bleibe natürlich gelassen und erkläre im Brustton der Überzeugung, hier müsse ein Missverständnis vorliegen. UNSERE Tour fände erst am Sonntag Abend statt. Mein überlegenes Grinsen fällt mir aber bei Vorlage des betreffenden Telefaxes an der Rezeption scheppernd vom Gesicht vor die Füße: da steht tatsächlich das heutige Datum … !

Wir springen wie vom Rentier gebissen in unsere Winterklamotten und kommen keuchend mit geröteten Gesichtern und zweisprachig Entschuldigungen stammelnd 20 Minuten zu spät am Treffpunkt an. Ein unglaublich langer, dünner und äußerst blonder Schwede lehnt amüsiert grinsend an einem Kleinbus und stellt sich uns als Jörgen vor. Wir stellen fest: Die Tour findet nur unseretwegen statt, denn wir sind die Einzigen !

Wir lernen auch Maria kennen und wieder stelle ich fest, daß es in Schweden nur hübsche Frauen gibt; zumindest in der Tourismusindustrie. Maria kann wunderschön lächeln; ist aber stumm. Später erfahre ich, daß sie Jörgen vorerst nur zwecks Ausbildung begleitet, denn sie soll auch einmal Nordlicht-Touren guiden …

Wenn ich bisher geglaubt habe, Jukkasjärvi sei abgelegen, werde ich binnen 5 Minuten Kleinbusfahrt eines Bessern belehrt: Hier ist wirklich mit Ausnahme der Straße überhaupt kein Zeichen von Zivilisation mehr sichtbar ! Ich täusche mich: Wir kommen kurz darauf an einer Satellitenkontrollstation der ESA vorbei und erreichen schließlich zu meiner ernsthaft großen Überraschung das Gelände von ESRANGE - dem schwedischen Raumfahrtprogramm !

Links:

ESRANGE
ESRANGE bei Wikipedia

 

Stairway To The Stars

 

Weil Jörgen ein netter Typ ist und meine Verlegenheit so charmant weggeplaudert hat; aber auch schwer überrascht klaube ich all mein Schulenglisch zusammen und stammle meine Überraschung heraus. Jörgen freut sich.

Man öffnet uns den Konferenzsaal und wir bekommen eine außerordentlich ambitionierte (Astronomiestudium ca. 4. Semester) Powerpoint-Präsentation zum Thema “Nordlicht” geboten. Während ich noch mit Rechenschieber und Formelsammlung herumhantiere, weil ich mich nach diesem Intensiv-Briefing durchaus imstande fühle, genau vorherzusagen, ob und wann das Nordlicht auftauchen wird, geht Jörgen den Wachmann suchen, um uns in der eigentlichen Anlage anzumelden. Man würde wohl gerne schwerer bewachen, aber die Budgetnot drückt auch hier …

Schließlich werden wir von Jörgen ambitioniert und kompetent durch die Anlage geführt und er beantwortet mit typisch schwedischer Gelassen- und Zuvorkommenheit jede meiner noch so dümmlichen Fragen. Mit dem ganzen Schnee fühle ich mich an eine Kulisse aus dem Remake des Films “Das Ding aus einer anderen Welt” erinnert und sage das Jörgen auch. Er freut sich, daß die drögen Deutschen so einen bizarren Humor haben. Ich bin geschmeichelt, denn der schwedische Humor ist ja bekanntlich auch nicht ohne. Wir stellen schließlich noch fest, daß wir beide Gitarre spielen; da gibt es natürlich kein Halten mehr ! Auch hier werden wir traditionell(?) mit heißem Lingonberryjuice abgefüllt.

“Schade, daß man hier nicht fotografieren darf !”, sage ich am Schluß, denn ich hätte gerne Hunderte von Fotos gemacht; insbesondere von den alten Abschussanlagen, die teilweise noch benutzt werden. Jörgen ist überrascht: alles, was die Touristen sehen, dürfen sie selbstverständlich auch fotografieren - Aua … !